Monatsrückblick

Mein Gott, vor einem Monat das letzte Mal geschrieben. Wat nich säumich!

Nun denn.

Zunächst mal war ich bei der Materialparade der glorreichen russischen Armee am 9. Mai, beguckte vom Strassenrand die Gefährte, wie sie durch die Stadt geschoben wurden, fragte mich, was wohl das Pflaster von den Übergewichten hält und musste mich alles in allem ziemlich langweilen. Ein bisschen Weihrauch hier und da, Unbehagen meinerseits wegen des Staatsstolzzirkus und staunende Blicke, für die alten Generalitäten und Majoritäten des Krieges die an diesem Tage so etwas wie ihren zweiten Geburtstag feierten. Ständig kamen kleine Mädchen und Jungen reichten Ihnen Blumen begleitet von warmen und dankenden Worten, gedenkend der Geschichte. Dafür gabs dann BonBons für die Kleinen.

Richtig spannend wurde es zum Abend hin, als sie das dickste aller Feuerwerke zum Himmel herauf schickten. Nichts neumodernes europäischen Schlags, mit Lasershow und Musik. Nein! Gigantismus, scheiße laut, bombastisch ohne programmatische Themenwahl. Berlin Reloaded in bunt. Am Abend der Siegesfeierlichkeiten am 9. Mai wurde die gesamte Stadt mit Feuerwerken eingedeckt (ich hab 20 gezählt allein im Westen der Stadt) überthront von dem einen über der Lomonosov Universität. Wir haben all das mit Panoramabarbalkonausblick im Wohnheim genossen.

Am nächsten Tag war ich mit einer Gruppe von Franzosen in Abramtsevo. Eine kleinere ehemalige Künstlersiedlung 40min ausserhalb von Moskau, in dem einst Gogol, Vrubel, Tretjakov und andere große Namen russischen Kulturlebens die Gastfreundlichkeit eines wohlhabenden Mäzens genossen und neben ihren eigenen Werken ihm eine ganz vorzügliche kleine Kirche schufen. Ein schönes Idyll. In der Nähe davon kamen wir noch an einem Kloster vorbei.

Eine Woche später war ich beim ersten aller Ärzte Konzerte in Russland. Auch meine Premiere. Also schon ein würdigenswertes Ereignis. Zu Gast war wohl auch ein gutes Stück Diplomatenstaat, Menschen die ihre Lieblingsband überall hin verfolgen, Krawattenträger, High-Heels-Tänzerinnen und Berliner Punks.

Ich find fürs erste Konzert haben sie ‘ne gute Figur gemacht und vor allem Spass. Da hört man dann auch über jeden Verspieler und verstimmte Gitarren hinweg. Bela brach in Englisch hervor, in Deutschland würden sie vor ganzen Stadien spielen und sie wären „exactly like this“ und auf ihrer Blogseite stand zwei Tage zuvor geschrieben, es würde mal Zeit zu üben. Zeit hat nicht gereicht. Tat aber dem Spektakel keinen Abbruch.

Anschließend sind wir zur NACHT DER MUSEEN in die Winzavod. Dieser Abend hat mir dann wieder meinen Glauben an die Stadt zurückgegeben. Normale Menschen. Verpeilte Frisuren, kaputte Jeans, pöbelnde Mädchen und bester Drum’n'Bass, ne brennende Mülltonne, Peilos die Feuerlöscher zu Spassmachern machen und sich freuen, wie lustig ‘n Feuerzeug und ‘ne Spraydose sein können und überall ein bisschen Kunst.

Schönstes Bild … weiß nicht recht wie man das bezeichnen soll, aber als Gesamtensemble war es eine ungemein smarte Kunstaktion … und zwar: wir hätten da eine Kunstnacht, eine Tür hinter der irgendwas ist, ein Typ der 10 Rubel Eintritt verlangt und damit bereits genug Spannung, dass Hunderte Leute heiß darauf sind zu sehen was das sein kann. Nur 10 Meter weiter links war das selbe Etwas für lau nur ohne Tür, schlicht ein tiefdunkler Raum. Ein Hauch von nichts.

Der Mann hat sich sicher auch noch seinen Arsch vergolden lassen, wenn er für die Kohle nicht saufen gegangen ist.

Sonst halt die übliche Festivalstimmung mit PET-Kloppen, Tanz und Ringelrei. Eine Insel der Vernunft und Normalität im Wahnsinn der Stadt.

Dann war ich vor zwei Wochen in der deutschen Botschaft zu einem Empfang des Vereins Dialog e.V.. Das war so eine Art Kontramoment der einen daran erinnert, was man gewiss nicht vermisst. Gepflegtes Deutschtum in Reinstform. Ich kam rein, es roch nach Sauerkraut und Bratwurst, Parkettauslage und gut gereihte Tischchen, Deckchen, Gläschen. Von irgendwo her schallte das Gegrunze sich verausgabender Fussballer, die Nase vermeldete deutsche Kneipe. Aber das war gar nicht mal so arg. Richtig derb erschlug mich, statt den Toiletten ein Kabuff schäbigsten Interieurs mit rundem deutsches Männervolk bei Salzstangen, Bier, Zigaretten und Skat vorzufinden. Ein blöder Blick von den Karten auf, ein halbabfälliges Kopfnicken, Rückkehr in den Dunst. Schnell weg, ganz schnell weg!!!! Für so ne volle Packung hab ich mich schließlich am Buffet gerächt und die Barfrau leiden lassen. *hehe*

Zu guter Letzt das schönste, findet man nämlich ein Stück Heimat das man auch vermisst. Projekt OGI. Ein Klub in ‘nem Kellergewölbe, wo die Türsteher Tee trinken, mit ‘nem Buchladen der ständig offen ist, die Bar Kreuzbergerspelunkenflair hat und die Frauen ihren Arsch NICHT zum Fleischmarkt schleppen, auf dem kaukasische Waffenschieber sie dann als Innenfutter für den Knarrenkasten kaufen. Schöner Laden! Schöne Menschen! Traf drinnen im Vorbeigehen ‘nen Typen dessen offensichtliche Leidenschaft der HipHop ist, der mir kam, er würd mich doch kennen. Nee, sag ich, bin doch aus Berlin, sacht er, AGGRO Berlin, Dendemann, guck ich blöd und denk mir Tollhaus. Sahne! Da werd ich jetzt öfter sein und jeden mitnehmen der nochmal hierher kommen sollt.

Das waren die aussergewöhnlichen Dinge des letzten Monats. Die gewöhnlichen drehen sich wie gewöhnlich ums Russisch lernen, auf die Prüfung vorbereiten und Kurzfilm basteln. Wobei das Kurzfilmding gar nicht mal so gewöhnlich ist. *hmmm* Ist für einen Wettbewerb an der Uni im Oktober, mit demThema: „Reife in der Wurzel. Greife höher“.

So dann … ich werd im Juli ‘ne ausgedehnte Moskaupause nehmen. Hab langsam aber auch den Ranzen voll vom gemeinen Russen. Dann komm ich heime und werd Euch alle besuchen! =)

Habt Spass, lasst die Sonne Euren Bauch bräunen und genießt den Komfort geregelten, gepflegten deutschen Alltags.

Alles Gute

p.

~ von moscowboy am Juni 8, 2008.

Eine Antwort to “Monatsrückblick”

  1. Hey ho Paulebär! Hab deine Berichte und Erlebnisse heute mit viel Spannung und Spaß gelesen und bin echt stolz auf dich. Ich hoffe das dich der ganze Prüfungsstress nicht zermürbt und du mit der russischen Menthalität zurecht kommst. Freue mich schon richtig doll drauf dich wieder Life und in Farbe zu sehen. Bis da hin,die besten Grüße aus Erfurt der Tobsen.

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